Rudolf Josef Sigerist

Als im März 2003 die erste Delegation der Tscheljabinsker Staatlichen Akademie für Kultur und die Künste mit Professor Wladimir Bytschkov auf meine Einladung hin bei uns in Wangen auftauchte und mit offenen Armen empfangen wurde, konnten och niemand ahnen, was aus diesem ersten eindrucksvollen Kontakt einmal werden würde. Ein Gefühl der Unsicherheit stand großen Erwartungen gegenüber- wohl auf beiden Seiten.

Rudolf Josef Sigerist
Rudolf Josef Sigerist, Leiter der Volkshochschule Wangen im Allgäu (2005–2011), Professor h. c. der Tscheljabinsker Staatlichen Akademie für Kultur und die Künste, Autor und Organisator aller Projekte „Deutsche Kulturtage in Tscheljabinsk“

Die Unsicherheit ist recht bald verflogen und die Erwartungen wurden mit dem ersten russischen Konzertabend in Wangen sowohl musikalisch als auch kulinarisch voll erfüllt. Es ist nun einmal so im Leben: wenn zwei sich treffen, spüren sie eine innere Verbindung und bleiben zusammen oder sie trennen sich, und jeder geht seines Weges.
Die Volkshochschule Wangen im Allgäu und die Tscheljabinsker Staatliche Akademie für Kultur und die Künste haben sich damals gefunden- und gehen bis heute ihren gemeinsamen Weg. Wie kam es dazu? Auf die ersten Besuche unserer russischen Freunde folgten weitere noch im Dezember 2003, im Herbst 2004, im Sommer 2005 und im November2005. Danach war der Wunsch unserer deutschen Musiker groß, auch einmal nach Tscheljabinsk zukommen und dort musikalisch und wissenschaftlich aufzutreten.
Es war ein großes Glück dass ich in Rektor Prof. Dr. Wladimir Jakovlewitsch Ruschanin von der Akademie einen großherzigen, historisch erfahrenen und weitblickenden Menschen fand, der meine Intentionen bezüglich der Förderung der kulturellen und künstlerischen Zusammenarbeit , sowie der Freundschaft unserer Völker auf der Grundlagerespektvollen gegenseitigen Umgangs auf Augenhöhe, mit mir teilte. So haben Wladimir und ich uns 2006 entschlossen, den Wagen der Völkerfreundschaft mit möglichst vielen Deutschen und Russen gemeinsam in eine bessere Zukunft zu ziehen. Ich darf heute mit Stolz behaupten, dass unsere Arbeit schöne Früchteträgt. Viele Freundschaften zwischen Russen und Deutschen sind in den vergangenen Jahren entstanden und haben Bestand.
Mit dem Besuch der Stadtkapelle Wangen im Allgäu im Mai 2006 brachte ich die beste Blasmusikkapelle Deutschlands nach Tscheljabinsk, und die „1. Deutschen Tage in Tscheljabinsk“ erblickten das Licht der Welt. In diesem Jahr finden bereits die „8. Deutschen Tage in Tscheljabinsk“ statt. Meine Ernennung zum Ehrenprofessor der Tscheljabinsker Staatlichen Akademie für Kultur und die Künste im Jahre 2007 war für mich der größte Vertrauensbeweis, den die russische Seite mir entgegen bringen konnte und den bisher wohl nur wenige Deutsche erfahren durften. Dafür bin ich zutiefst dankbar, zeigt diese Auszeichnung doch die unbedingte Ernsthaftigkeit unserer russischen Freunde an besten Beziehungen zu Deutschland und den Deutschen, wodurch gerade wir Deutsche –angesichts der unsäglichen Gräueltaten desZwanzigsten Jahrhunderts- ganz besonders in die Pflicht genommen werden! Es war auch ein großes Glück, dass es gelungen ist, die Deutsche Abteilung an der Staatlichen Pädagogischen Universität in Tscheljabinsk mit ihrer Leiterin Professor Dr. Elena Bystrai und den Leiter der Fremdsprachenfakultät, Dr. Viktor Moschkowitsch in unsere Arbeit einzubeziehen. So entstand mit der Zeit eine fruchtbare Dreiecksbeziehung, an der alle Mitwirkenden zum Vorteil aller partizipierten. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit liegt nun mit diesem Buch vor.
Mein Dank gilt dem Rektor der Tscheljabinsker Staatlichen Akademie für Kultur und die Künste Wladimir Jakovlewitsch Ruschanin und dem Rektor der Staatlichen Pädagogischen Universität Wladimir Witaljewitsch Sadyrin und dem Oberbürgermeistermeiner Heimatstadt Wangen im Allgäu, Herrn Michael Lang, die dieses historische Projekt von Anfang an unterstützt und somit ermöglicht haben, sowie den Dozentinnen und Dozenten, Studentinnen und Studenten, die dieses wichtige Buch auf den Weggebracht haben.
Als ich ein kleiner Junge war, sagte mir ein einfacher Arbeiter, der als Soldat 1942 zehn Kilometer vor den nördlichen Toren Moskaus stand und dort zu seinem Glück verwundet wurde und so der Hölle des Krieges entkam, immer wieder diese Worte: „Merke dir: Die Russen sind gute und intelligente Menschen. Wir müssen mit ihnen Freundschaft schließen“ Dieser Soldat war mein Vater und ich habe mir seine Worte gut gemerkt. Immer wenn ich an seinem Grab stehe, höre ich seine Worte und antworte ihm: Es lebe die deutsch-russische Freundschaft! Ich glaube, lebte er noch, würde er sich sehr freuen.